Berufsunfähigkeit – Brauche ich eine BUV? Teil 2

Ohne Medikamente und schmerzfrei durchs Leben zu gehen ist ein großes Glück. Mit Mitte 20 ist Gesundheit keine Seltenheit. Aber wie sieht das 20-30 Jahre später aus? Als ich vor Kurzem eine Woche flach lag, wurde ich mir meiner Sterblichkeit wieder bewusst. Deswegen stellte ich mir die Frage: Wie bin ich eigentlich abgesichert, wenn ich mal langfristig ausfallen würde? In meinem letzten Beitrag ging es deswegen um die Erwerbsminderungsrente. Heute geht es um Sinn & Unsinn einer Berufsunfähigkeitsversicherung.

Werde ich überhaupt jemals berufsunfähig?

Wenn ich in die Zukunft schauen könnte, könnte ich wesentlich gezielter meine Versicherungen auswählen. Wie im letzten Artikel bereits erwähnt, liegt die aktuelle Wahrscheinlichkeit erwerbsunfähig zu sein für mich als Maschinenbauingenieurin  bei 4,62%. Ist das nun gut oder schlecht? Letztlich heißt es, dass in einem Büro von 21 Mann im Schnitt eine Person gerade Erwerbsminderungsrente bezieht.

Glaskugel

Gewinne ich im BU-Lotto?

Jeder stellt sich automatisch die Frage: Wieso sollte es mich treffen?

Sicherlich gibt es gewisse Risikofaktoren: Rauchen, Übergewicht, wenig Bewegung, Erbkrankheiten. Wer gesund lebt, Sport treibt und in der Verwandtschaft viele 90. Geburtstage feiert, sorgt sich weniger als jemand, der bereits in jungen Jahren häufig zum Arzt rennt und leider einige Verwandte bereits zu Grabe getragen hat. Aber je älter man wird, desto eher kann man Nummer 21 werden.

wahrscheinlichkeit BU

40% Wahrscheinlichkeit vor 65 BU zu werden, yay.

Laut Statista.de liegt die Wahrscheinlichkeit bei rund 40%, dass man als 20-Jähriger vor dem 65. Geburtstag berufsunfähig wird. Meine innere Stimme will mich beruhigen: Damit ist sicherlich irgendein Dachdecker gemeint, der mit 64 seinen Job an den Nagel hängt.

 

Was kann schon passieren, damit ich dauerhaft ausfalle?

Die Hauptursache einer BU sind Nervenkrankheiten. In jungen Jahren ist die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls höher als im Alter, die Krebswahrscheinlichkeit und Herzkreislaufprobleme sind geringer.

ursachen berufsunfähig

Ursachen von Berufsunfähigkeit

Ich behaupte oft, dass ich selbst querschnittsgelähmt und halb blind noch arbeiten könnte. Als Ingenieurin brauche ich meinen Kopf und eine Hand, um die Maus zu bedienen. Bei genauem Überlegen fallen mir also doch ein paar Themen ein, bei denen auch ich Probleme hätte:

  1. Schwere Netzhautschäden
  2. Burnout
  3. Schlaganfall
  4. Multiple Sklerose
  5. hartnäckiger Krebs
  6. Depressionen
  7. Angststörungen
  8. Bandscheibenvorfälle
  9. frühzeitige Demenz
  10. starke Rheumaschübe
  11. Parkinson
  12. Atemprobleme / Lungenschäden
  13. Extreme Allergien
  14. Schmerzstörungen
  15. diverse Unfallfolgen

Auf Helberg.info findet man einige Beispiele genehmigter BU-Anträge.

Wie hoch ist meine zu erwartende Erwerbsminderungsrente?

In meinem letzten Beitrag bin ich bereits auf die Berechnung der Rente eingegangen. Aber man kann es sich auch einfacher machen: Die zu erwartende Erwerbsminderungsrente kann man in Deutschland der „Renteninformation“ entnehmen. Leider bekommt man diese erst mit 27 Jahren und nach 60 Monaten Einzahlung, weswegen ich meine Renteninformation erstmal beantragen musste. Die Kontaktdaten der zuständigen Rentenversicherung zu finden, gestaltete sich relativ schwierig, da viele Seiten nicht mehr zugänglich waren und beim Schreiben einer Mail sogar eine Fehlermeldung kam.

DRV_Email

Letztlich habe ich dann ein Kontaktformular gefunden und unter Angabe meines Namens, meiner Adresse, meines Bundeslandes und meiner Versicherungsnummer meine Renteninformation beantragt und wenige Tage später per Post bekommen. Erfreuliche Botschaft:

Ich würde aktuell rund 1050€ Erwerbsminderungsrente erhalten!

Immerhin habe ich bereits 5 Jahre Beiträge gezahlt. Leider unterlag das duale Studium vor 2012 nicht der Sozialversicherungspflicht. Im Schreiben wurde mein Studium zur Hälfte unterschlagen, was ich nun der Rentenversicherung gemeldet habe (mir wurde ein Rentenpunkt für die Altersrente zu wenig angerechnet).

Was bleibt nach Steuern übrig?

1050€ klingen für mich im ersten Moment „ganz ok“. Wenn es da nicht noch Abzüge gäbe.

Der Staat gibt und nimmt leider auch direkt wieder. 

  • Krankenversicherung (7,3% zzgl. 1,3% bei meiner Krankenkasse)
  • Pflegeversicherung (2,8% bei Kinderlosen)
  • Steuer (individuell, meistens nichts)

Ein bestimmter Anteil der Rente ist steuerfrei. Dies richtet sich nach dem Jahr des ersten Bezugs. Wer 2005 erwerbsunfähig wurde, muss 50% versteuern. Bis 2040 steigt diese Zahl auf 100%. Rentensteigerungen müssen ebenfalls zu 100% versteuert werden.

Würde ich also jetzt Rente beziehen, müsste ich 74% versteuern.

1050€ * 0,74 = 777€

Davon kann ich noch Sozialversicherungsbeiträge abziehen:

1050€ * (7,3% + 1,3% + 2,8%) = 119,7€

Bei rechnerisch rund 657€ müsste ich keine Steuern zahlen, da der Grundfreibetrag 2017 bei 8820€ im Jahr liegt. Von 1050€ Rente hätte ich effektiv 930€ übrig.

Der große Haken an dem Ganzen

Erwerbsminderungsrente ist eine Momentanaufnahme. D.h. sollte ich z.B. mal halbtags arbeiten, vermindern sich meine durchschnittlichen Entgeltpunkte. Sollte ich theoretisch noch zwischen 3 und 6 Stunden am Tag arbeiten können, bekomme ich entsprechend nur die halbe Erwerbsminderungsrente.

Aus guten 1000€ brutto, werden super schnell nur noch 500€ oder weniger.

Kann ich davon leben? Nein. Hinzu kommt: In meiner Ehe-Reihe habe ich festgestellt, dass mein Freund mich mitfüttern muss, wenn ich eigentlich Unterstützung vom Staat erwarte. Immerhin kann man bei einer Rente unter 405€ im Monat über die Familie versichert werden.

Wie viel brauche ich zum Leben?

Wer Haushaltsbuch führt, kann dies nun aus der Kanone geschossen sagen. Wenn ich mich ein wenig einschränke und nicht über 600€ Miete zahle, bräuchte ich rund 1000€ im Monat zum Leben. Mit Krankenkasse und kleinen Annehmlichkeiten sind es wohl eher 1500€. Für mich alleine. Je nach Pflegebedürftigkeit und medizinischen Ausgaben kann das mehr sein. Wer eine Familie ernähren muss, braucht rund schnell das Doppelte. Hier muss ich nun ein wenig in die Zukunft schauen: Will ich mal Kinder? Lache ich mir die nächsten Jahre einen Hauskredit an?

Verhungern muss in Deutschland keiner, aber man hat kein Recht auf den gewohnten Lebensstandard.

Wer einiges auf der hohen Kante hat, kann mehrere Jahre Berufsunfähigkeit selbst überbrücken, aber die Frage ist: Wie lange? Bei mir wären das vielleicht 4 Jahre. Aber auf keinen Fall mehrere Jahrzehnte.

Will ich mir zusätzlich zu meiner Krankheit auch noch Sorgen ums Geld machen müssen? 

Zwischenfazit: Versicherungen sind Mist, komplett ohne kann ich aber auch nicht ruhig schlafen

Die letzten 4 Jahre dachte ich mir:

Ich zahle kein Geld, wenn ich am Ende dadurch mehr Ärger habe als ohne.

Denn man braucht eine Rechtschutzversicherung (nicht bei der gleichen Versicherung!) und Angehörige, die jahrelang um dein Recht kämpfen. Man selbst kann es krankheitsbedingt nicht unbedingt. Bei vielen Anträgen kommt es zu jahrelangen Rechtsstreits.

Gleichzeitig finde ich den Grundgedanken der BUV aber gut. Denn ich kann mich auf staatliche Unterstützung genau so wenig verlassen: Entweder bekommt man kaum was oder man darf sich mit hohen Steuern, steigenden Krankenkassenbeiträgen und Bürokratismus rumärgern. Vielleicht wird die Erwerbsminderungsrente für junge Leute mal ganz abgeschafft, man rutscht in die Grundsicherung und die Verantwortung wird noch mehr auf Angehörige abgewälzt.

Ich will nicht, dass meine Familie für mich aufkommen muss.

Auch hier hilft mir meine Glaskugel nicht weiter. Deswegen wächst in mir gerade der Wunsch nach Diversifikation, obwohl ich gleichzeitig keine 100€ im Monat einem Versicherer hinterherschmeißen möchte, der am Ende doch nicht zahlt. Ein großer Konflikt, weswegen ich bisher lieber gar nichts unterschrieben habe.

Trotzdem werde ich bald einen Vertrag unterzeichnen, sobald ich mir im nächsten Artikel euren Segen geholt habe.

Wieso habt ihr eine BU-Versicherung abgeschlossen bzw. wieso nicht?