Berufsunfähigkeit – Steuerliche Aspekte Teil 3

Ich finde den Grundgedanken von BU-Versicherungen gut, die Umsetzungsmöglichkeiten auf dem Markt eher bescheiden. „50€ im Monat für 1000€ Rente? Dann kann man auch gleich von Sozialhilfe leben..“ In meiner Ehe-Reihe wurde mir bewusst, dass im Schadensfall mein Freund, und nicht der Staat, für mich aufkommen müsste.

Realistisches Szenario: Wir bekommen süße Kinder, zahlen im teuren Schwabenland 1500€ Warmmiete (einfach mal im Umkreis von 20km bei Böblingen eine 4-Zimmer-Wohnung suchen) bzw. zahlen stattdessen Eigentum ab. Ich falle aus und vom Gehalt meines Freundes bleibt nichts mehr zum Leben übrig. Kranke Frau und Kinder sind auch noch zu versorgen. Wer eine abbezahlte Immobilie, ein üppiges Erbe in Sicht, ein dickes Depot oder sonstige passive Einnahmen hat, lehnt sich nun entspannt bei einem solchen Gedankenspiel zurück, ich als Berufseinsteigerin mit wenig Erspartem jedoch nicht.

Im heutigen Beitrag geht es darum, welche Abzüge es bei einer Berufsunfähigkeitsrente gibt, wie man seine Krankengeschichte aufarbeitet und wie hoch die BU-Rente sein sollte. Da der Beitrag nun doch länger wurde als gedacht, geht es erst im vierten Teil um die genauen Vertragsbedingungen.

Das 3-Schichten-Modell der Vorsorge

Leider hat man auch bei einer BU-Rente noch Abzüge. Deren Höhe hängt von der Versicherungsart und anderen Einkünften ab.

Schon mal was vom 3-Schichten-Modell gehört?

Das Modell der 3 Schichten erläutert die steuerlichen Aspekte eine Vorsorge während der Anspar- und Auszahlungsphase.

Schichtmodell

Der Staat bietet durch die gesetzliche Rente bzw. Beamtenversorgung eine Basisversorgung für Erwerbstätige, die jedoch aufgrund der Überalterung in Deutschland immer weniger wird. Zum Schließen der ominösen Versorgungslücke gibt es die staatlich geförderte Zusatzversorgung, z.B. Riester oder die betriebliche Altersvorsorge. In beiden Schichten gehen die Beiträge vom Brutto-Gehalt ab, sind also steuerbegünstigt. Dafür fallen bei der Auszahlung Sozialversicherungsbeiträge an und das Ganze wird nachgelagert versteuert.

Schicht 3: Ich nehme meine Finanzen selbst in die Hand!

Gerade als Finanzblogger und Leser möchte man sich nicht auf die Vorsorge vom Staat verlassen. Die steuerliche Begünstigung ist begrenzt, die Vorsorge ist oft nicht vererbbar und an ein Mindestalter gebunden. Erst mit 67 in Rente zu gehen ist out. Deswegen bestreiten wir aus unserem Netto-Gehalt unsere private Vorsorge, wie die eigenen 4-Wände, ETFs oder Einzelaktien und diverse Zusatzversicherungen. Mit Glück können wir ein paar Themen von der Steuer absetzen und bekommen zumindest ein wenig Lohnsteuer zurück. Der Vorteil der Schicht-3-Vorsorge: Man ist wesentlich flexibler und muss keine Angst haben, die staatliche Förderung zu verlieren – gibt ja keine. Man zahlt zwar Ertragssteuer, z.B. Kapitalertragssteuer beim Veräußern von Aktien oder Spekulationssteuer beim Verkauf von Immobilien, aber man zahlt keine Sozialversicherungsbeiträge auf Erträge.

Eine BUV kann über Schicht 2 oder 3 abgeschlossen werden.

Dementsprechend kann es beim Erhalt einer BU-Rente Unterschiede bei der Besteuerung geben.

Besteuerung Schicht 2 vs. Schicht 3

Mein Arbeitgeber bietet eine  Berufsunfähigkeitsversicherung (kurz BUV) durch Entgeltumwandlung an (Schicht 2). Sprich: Wenn 100€ von meinem Brutto-Gehalt für die Versicherung abgehen, so merke ich netto nur 50€ Unterschied. Allerdings muss ich bei der BU-Rente dann Sozialversicherungsbeiträge und mehr Steuern zahlen als bei einer BUV über Schicht 3, was ich euch nun vorrechnen werde.

Erhalt BU-Rente ohne Erwerbsminderungsrente

Man ist als Bezieher einer BU-Rente im Rahmen der Schicht 3 nicht sozialversicherungspflichtig. Ohne Krankenkasse geht es aber auch nicht, weswegen man sich freiwillig versichern muss bzw. weiterhin Beiträge in der privaten Krankenkasse zahlt. Bis zu einem Einkommen von derzeit 425€ im Monat kann man über die Familie versichert werden – es werden allerdings auch Kapitalerträge und Mieteinnahmen berücksichtigt. In der GKV muss man derzeit 14% zzgl. Zusatzbeitrag zahlen. In meinem Fall sind das 15,3%. Ebenso zahlt man Pflegeversicherung (2,8% bei Kinderlosen, 2,55% mit Kindern). Dabei wird stets ein Mindesteinkommen von derzeit von 991,67€ im Monat unterstellt, sodass bei kleinen BU-Renten prozentual gesehen mehr abgezogen wird.

1500€ · (15,3% + 2, 8%) = 271,50€

Bei Schicht 2 hingegen ist man pflichtversichert und zahlt deswegen 0,6% höhere Krankenkassenbeiträge.

1500€ · (0,6%) =  9€

Zusätzlich ist auch noch Einkommenssteuer fällig. Bei einer privat abgeschlossenen BUV muss nur der „Ertragsanteil“ versteuert werden, bei einer Direktversicherung durch Entgeltumwandlung ist die Rente 100% zu versteuern. Je nach dem, ob man alleinstehend oder verheiratet ist, können da nun sehr unterschiedliche Werte rauskommen. Ich betrachte nun eine Person ohne gemeinsame Steuererklärung mit dem Ehepartner.

Versteuerung Ertragsanteil (Schicht 3):
Der zu versteuernde Anteil hängt von der zu erwartenden Bezugsdauer ab und kann man hier in der zweiten Spalte ablesen. Wer z.B. mit 45 berufsunfähig wird und 20 Jahre eine BU-Rente beziehen würde, muss dauerhaft 21% der Rente mit dem persönlichen Steuersatz versteuern. Dadurch ist das jährlich zu versteuernde Einkommen sehr gering.

1500€ · 12 · 21% = 3.780€

Da der persönliche Steuersatz bei Einkünften bis zu 8820€ im Jahr bei null liegt, ergibt 3.780€ mal 0% immer noch 0. Also keine Steuerabzüge! Der verbleibende Freibetrag senkt bei Ehepaaren die Steuerlast ebenfalls noch mal enorm.

Versteuerung 100% (Schicht 2):
Bei der Entgeltumwandlung ist alles komplett zu versteuern. Bei 1500€ abzüglich 280,50€ Krankenkasse im Monat ist folgender Beitrag zu versteuern:

(1500€ – 280,50€) · 12 = 14.634€

Laut Einkommensteuertabelle sind 1.148€ Einkommenssteuer im Jahr zu zahlen bzw. 96,67€ im Monat.

Erhalt der BU-Rente mit Erwerbsminderungsrente

In meinem vorigen Beitrag bin ich auf die Abzüge bei einer Erwerbsminderungsrente eingegangen. Erhält man diese zusätzlich zur Berufsunfähigkeitsversicherung, ändern sich dadurch die oben berechneten Abgaben. Durch die Erwerbsminderungsrente ist man automatisch pflichtversichert in der Krankenkasse.

Wer eine private BU-Rente bezieht, muss sich somit nicht mehr zusätzlich krankenversichern (0€ Abzüge!).

Für Bezieher im Rahmen der Schicht 2 gilt weiterhin die Sozialversicherungspflicht und an dem oben berechneten Krankenkassenbeitrag ändert sich nichts. Der kommt zusätzlich zum Krankenkassenbeitrag der Erwerbsminderungsrente (EMR).

Steuer EMR + BUR (Schicht 2)
Bei einer EMR in Höhe von 1050€ sind 7.884€ im Jahr zu versteuern, bei der BU-Rente (BUR) 14.634€. Bei 22.518€ im Jahr sind 2.659€ im Jahr / 221,58€ im Monat Steuern fällig.

Steuer EMR + BUR (Schicht 3)
Bei der EMR sind wie gehabt 7.884€ zu versteuern, bei der BUR 3.780€. Bei 11.640€ im Jahr sind 474€ im Jahr / 39,5€ im Monat Steuern fällig.

Hier seht ihr eine kurze Übersicht, welche Sozialversicherungsbeiträge und Steuern bei meinen Rechenbeispielen abgezogen werden und was letztlich monatlich netto übrig bleibt.

BU-Rente

links seht ihr die Abzüge, rechts die netto-Rente

Wie erwartet, hat man mit einer privaten BUV wesentlich weniger Abzüge. Ohne Erwerbsminderungsrente muss man aber trotzdem Krankenkassenbeiträge zahlen, sodass bei geringen BU-Renten der Unterschied zwischen Schicht 2 und 3 bei Unverheirateten relativ gering ausfällt.

Weniger Gesundheitsfragen durch Gruppenverträge

Um diese Lücke auszugleichen, könnte man bei einer Versicherung mit Entgeltumwandlung einfach die Rente erhöhen – denn netto spürt man das ja weniger. Durch das geringere Brutto- und Netto-Gehalt verringern sich leider auch gesetzliche Rentenansprüche und Lohnfortzahlungen wie Eltern-, Arbeitslosen- und Krankengeld. Der Arbeitgeber spart durch die Entgeltumwandlung ebenfalls Sozialversicherungsbeiträge, sodass manche Arbeitgeber diese Ersparnis als Zuschuss dazu geben oder zumindest gute Gruppenverträge aushandeln.

Ich muss nur 1 Gesundheitsfrage beantworten.

Da man bei einem privaten Abschluss (Schicht 3) ggf. mit sehr detaillierten Gesundheitsfragen konfrontiert wird („Wie hoch war der Puls bei ihrem ersten Date?“), hat man durch einen Gruppenvertrag einen erheblich leichteren Einstieg („Na, alles fit?“). Hier findet man ein Beispiel für ausführliche Gesundheitsfragen. Es wird normalerweise alles abgefragt von Blutwerten, Fehlsichtigkeit und Rückenschmerzen bis hin zu BMI und riskanten Hobbys. Ein Kreuz bei „Ja“ muss nicht automatisch zur Ablehnung führen, kann aber für den Ausschluss dieser Körperregion oder einen Risikozuschlag führen.

Keine BU-Rente bei falsch beantworten Gesundheitsfragen.

Wer vergisst, mal beim Arzt geäußerte Rückenschmerzen anzugeben, riskiert damit bereits seinen Versicherungsschutz. Durch die reduzierten Gesundheitsfragen bei Gruppenverträgen bekommt man deswegen leichter eine BUV. In meinem Fall werde ich z.B. für eine Rente von maximal 999€ gefragt, ob ich in den letzten 2 Jahren 15 Kalendertage an einem Stück krank war. Nö – war ich nicht.

Die BUV kann beim Verlassen des Arbeitgebers ggf. auch privat weitergeführt werden, allerdings muss der Beitrag dann vom Netto-Gehalt bestritten werden. Gesetzlich ist man gerade dran, dass die Rente dementsprechend nur noch anteilig sozialversicherungspflichtig ist.

Aufarbeiten der Gesundheitsgeschichte

Ich bin ein Mensch, der immer alles selbst machen möchte. Wer jedoch ohne fremde Hilfe eine BUV abschließen will und ein paar gesundheitliche Wehwehchen hat, sollte einen professionellen Berater hinzuziehen. Diese haben die Möglichkeit einer anonymen Risikovoranfrage. Dadurch kann man sich bei verschiedenen Versicherern erkundigen, zu welchen Konditionen man euch nehmen würde. Über Kommentare bin ich z.B. auf www.helberg.info gestoßen. Wer auf Gut-Glück eine BUV abschließen will und abgelehnt will, riskiert damit, auf der schwarzen Liste zu landen und auch bei anderen Anbietern keine Versicherung (ggf. auch keine Lebens- oder Unfallversicherung) mehr zu bekommen. Mit Pech wird man dann auch bei einer BUV mit wenigen Gesundheitsfragen abgelehnt.

Nervig, aber nötig: Gesundheitsgeschichte aufarbeiten

Überraschung: Versicherer möchten keine Kunden, die jetzt schon Invalide sind oder es in absehbarer Zeit werden. Deswegen sollte man erst mal abfragen, was die Krankenkasse über einen gespeichert hat.

Mail an die Krankenkasse: Check.

Meine Krankenkasse schickte mir nur Unterlagen ab 2012. Von davor hätten sie nichts mehr. In den 27 Seiten stand fast nichts drin: Ab und zu mal eine Blutuntersuchung und eine Zeile mit dem Vermerk, dass ich orthopädische Einlagen habe. Zuerst wunderte mich das, aber eigentlich ist es logisch: Ich habe z.B. einen Arzt kurz vor der Rente, der nicht mal mit einem PC arbeitet, sondern alles in seine Karteikarten einträgt.

Was habe ich wirklich?

Hier kommt nun der schwierigste Teil. Wer vollkommen gesund ist, darf sich glücklich schätzen. Aber viele haben ab und zu mal Rücken- oder Kopfschmerzen, Knieprobleme, hatten mal einen Arm gebrochen oder Allergien. Nicht wenige haben einen Schilddrüsenfehlfunktion, Herzprobleme oder Diabetes. Auch ich bin gesundheitlich vorbelastet, sodass meine Chancen für eine Ablehnung recht hoch stehen.

Alleine deswegen war das Thema BUV bereits sehr früh für mich gestorben. Ich hatte keine Lust, gleich abgelehnt zu werden, Ausschlüsse zu erhalten oder hohe Risikozuschläge zu zahlen.

Step 2: Eigene Patientenakte der Ärzte anfordern.

Wer alles richtig machen will, muss gezielt auf die behandelten Ärzte der letzten 10 Jahre zugehen. Denn hier kommt das Schlimme: Um mehr abzurechnen, ist es Gang und Gäbe, eure Diagnose schlimmer zu machen als sie eigentlich ist. Ebenso kann es sein, dass ein Arzt keine physische Ursache feststellen konnte und eure Probleme auf psychische Probleme zurückgeführt hat. So wird hat man in der Krankenakte ganz schnell Depressionen stehen und euch wird im Schadensfall arglistige Täuschung unterstellt, da ihr dies bei den Gesundheitsfragen nicht angegeben habt. Auch die Nackenverspannungen, die ihr mal vor 4 Jahren irgendwo erwähnt habt, können dann ein großes Problem machen.

Die Aufarbeitung der Krankengeschichte kann sehr aufwendig sein.

Als Studentin bin ich zu dem Arzt gegangen, der gerade Sprechstunde hat. Ich weiß nicht mal mehr die Namen. Am liebsten würde ich den Versicherungen sagen: „Checkt meine Akten einfach selbst!“ Anstatt das zu Beginn zu machen, wird aber erst im Schadensfall in meiner Vergangenheit gewühlt, um meinen Antrag wegen falscher Angaben ablehnen zu können.

Zwischenfazit

Aufgrund meiner Gesundheitsgeschichte werde ich eine BUV über meinen Arbeitgeber mit 1000€ Rente abschließen (kostet mich 39€ Brutto im Monat) und diese über eine hohe Dynamik weiter jährlich erhöhen. Auf die genauen Vertragsbedingungen gehe ich im nächsten Artikel ein. Parallel werde ich versuchen, eine private BUV zu bekommen: Werde ich dort zu normalen Bedingungen angenommen, mache ich einen Sekt auf. Wenn ich dort abgelehnt werde, habe ich zumindest mal die BUV über meinen Arbeitgeber in der Tasche. Obwohl ich Gegner der Berufsunfähigkeitsversicherung sehr gut verstehen kann und eigentlich selbst einer bin, komme ich irgendwie doch nicht drumrum. Wäre ich ledig, wäre mir das egal. Aber mit Partner und irgendwann mal Kindern könnte ich den Verlust meiner Arbeitskraft im teuren Süden nicht abfedern. So sehr ich es mir auch wünsche: Keiner kann garantieren, dass ich gesund bleibe.

 

 

 

Berufsunfähigkeit – Brauche ich eine BUV? Teil 2

Ohne Medikamente und schmerzfrei durchs Leben zu gehen ist ein großes Glück. Mit Mitte 20 ist Gesundheit keine Seltenheit. Aber wie sieht das 20-30 Jahre später aus? Als ich vor Kurzem eine Woche flach lag, wurde ich mir meiner Sterblichkeit wieder bewusst. Deswegen stellte ich mir die Frage: Wie bin ich eigentlich abgesichert, wenn ich mal langfristig ausfallen würde? In meinem letzten Beitrag ging es deswegen um die Erwerbsminderungsrente. Heute geht es um Sinn & Unsinn einer Berufsunfähigkeitsversicherung.

Werde ich überhaupt jemals berufsunfähig?

Wenn ich in die Zukunft schauen könnte, könnte ich wesentlich gezielter meine Versicherungen auswählen. Wie im letzten Artikel bereits erwähnt, liegt die aktuelle Wahrscheinlichkeit erwerbsunfähig zu sein für mich als Maschinenbauingenieurin  bei 4,62%. Ist das nun gut oder schlecht? Letztlich heißt es, dass in einem Büro von 21 Mann im Schnitt eine Person gerade Erwerbsminderungsrente bezieht.

Glaskugel

Gewinne ich im BU-Lotto?

Jeder stellt sich automatisch die Frage: Wieso sollte es mich treffen?

Sicherlich gibt es gewisse Risikofaktoren: Rauchen, Übergewicht, wenig Bewegung, Erbkrankheiten. Wer gesund lebt, Sport treibt und in der Verwandtschaft viele 90. Geburtstage feiert, sorgt sich weniger als jemand, der bereits in jungen Jahren häufig zum Arzt rennt und leider einige Verwandte bereits zu Grabe getragen hat. Aber je älter man wird, desto eher kann man Nummer 21 werden.

wahrscheinlichkeit BU

40% Wahrscheinlichkeit vor 65 BU zu werden, yay.

Laut Statista.de liegt die Wahrscheinlichkeit bei rund 40%, dass man als 20-Jähriger vor dem 65. Geburtstag berufsunfähig wird. Meine innere Stimme will mich beruhigen: Damit ist sicherlich irgendein Dachdecker gemeint, der mit 64 seinen Job an den Nagel hängt.

 

Was kann schon passieren, damit ich dauerhaft ausfalle?

Die Hauptursache einer BU sind Nervenkrankheiten. In jungen Jahren ist die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls höher als im Alter, die Krebswahrscheinlichkeit und Herzkreislaufprobleme sind geringer.

ursachen berufsunfähig

Ursachen von Berufsunfähigkeit

Ich behaupte oft, dass ich selbst querschnittsgelähmt und halb blind noch arbeiten könnte. Als Ingenieurin brauche ich meinen Kopf und eine Hand, um die Maus zu bedienen. Bei genauem Überlegen fallen mir also doch ein paar Themen ein, bei denen auch ich Probleme hätte:

  1. Schwere Netzhautschäden
  2. Burnout
  3. Schlaganfall
  4. Multiple Sklerose
  5. hartnäckiger Krebs
  6. Depressionen
  7. Angststörungen
  8. Bandscheibenvorfälle
  9. frühzeitige Demenz
  10. starke Rheumaschübe
  11. Parkinson
  12. Atemprobleme / Lungenschäden
  13. Extreme Allergien
  14. Schmerzstörungen
  15. diverse Unfallfolgen

Auf Helberg.info findet man einige Beispiele genehmigter BU-Anträge.

Wie hoch ist meine zu erwartende Erwerbsminderungsrente?

In meinem letzten Beitrag bin ich bereits auf die Berechnung der Rente eingegangen. Aber man kann es sich auch einfacher machen: Die zu erwartende Erwerbsminderungsrente kann man in Deutschland der „Renteninformation“ entnehmen. Leider bekommt man diese erst mit 27 Jahren und nach 60 Monaten Einzahlung, weswegen ich meine Renteninformation erstmal beantragen musste. Die Kontaktdaten der zuständigen Rentenversicherung zu finden, gestaltete sich relativ schwierig, da viele Seiten nicht mehr zugänglich waren und beim Schreiben einer Mail sogar eine Fehlermeldung kam.

DRV_Email

Letztlich habe ich dann ein Kontaktformular gefunden und unter Angabe meines Namens, meiner Adresse, meines Bundeslandes und meiner Versicherungsnummer meine Renteninformation beantragt und wenige Tage später per Post bekommen. Erfreuliche Botschaft:

Ich würde aktuell rund 1050€ Erwerbsminderungsrente erhalten!

Immerhin habe ich bereits 5 Jahre Beiträge gezahlt. Leider unterlag das duale Studium vor 2012 nicht der Sozialversicherungspflicht. Im Schreiben wurde mein Studium zur Hälfte unterschlagen, was ich nun der Rentenversicherung gemeldet habe (mir wurde ein Rentenpunkt für die Altersrente zu wenig angerechnet).

Was bleibt nach Steuern übrig?

1050€ klingen für mich im ersten Moment „ganz ok“. Wenn es da nicht noch Abzüge gäbe.

Der Staat gibt und nimmt leider auch direkt wieder. 

  • Krankenversicherung (7,3% zzgl. 1,3% bei meiner Krankenkasse)
  • Pflegeversicherung (2,8% bei Kinderlosen)
  • Steuer (individuell, meistens nichts)

Ein bestimmter Anteil der Rente ist steuerfrei. Dies richtet sich nach dem Jahr des ersten Bezugs. Wer 2005 erwerbsunfähig wurde, muss 50% versteuern. Bis 2040 steigt diese Zahl auf 100%. Rentensteigerungen müssen ebenfalls zu 100% versteuert werden.

Würde ich also jetzt Rente beziehen, müsste ich 74% versteuern.

1050€ * 0,74 = 777€

Davon kann ich noch Sozialversicherungsbeiträge abziehen:

1050€ * (7,3% + 1,3% + 2,8%) = 119,7€

Bei rechnerisch rund 657€ müsste ich keine Steuern zahlen, da der Grundfreibetrag 2017 bei 8820€ im Jahr liegt. Von 1050€ Rente hätte ich effektiv 930€ übrig.

Der große Haken an dem Ganzen

Erwerbsminderungsrente ist eine Momentanaufnahme. D.h. sollte ich z.B. mal halbtags arbeiten, vermindern sich meine durchschnittlichen Entgeltpunkte. Sollte ich theoretisch noch zwischen 3 und 6 Stunden am Tag arbeiten können, bekomme ich entsprechend nur die halbe Erwerbsminderungsrente.

Aus guten 1000€ brutto, werden super schnell nur noch 500€ oder weniger.

Kann ich davon leben? Nein. Hinzu kommt: In meiner Ehe-Reihe habe ich festgestellt, dass mein Freund mich mitfüttern muss, wenn ich eigentlich Unterstützung vom Staat erwarte. Immerhin kann man bei einer Rente unter 405€ im Monat über die Familie versichert werden.

Wie viel brauche ich zum Leben?

Wer Haushaltsbuch führt, kann dies nun aus der Kanone geschossen sagen. Wenn ich mich ein wenig einschränke und nicht über 600€ Miete zahle, bräuchte ich rund 1000€ im Monat zum Leben. Mit Krankenkasse und kleinen Annehmlichkeiten sind es wohl eher 1500€. Für mich alleine. Je nach Pflegebedürftigkeit und medizinischen Ausgaben kann das mehr sein. Wer eine Familie ernähren muss, braucht rund schnell das Doppelte. Hier muss ich nun ein wenig in die Zukunft schauen: Will ich mal Kinder? Lache ich mir die nächsten Jahre einen Hauskredit an?

Verhungern muss in Deutschland keiner, aber man hat kein Recht auf den gewohnten Lebensstandard.

Wer einiges auf der hohen Kante hat, kann mehrere Jahre Berufsunfähigkeit selbst überbrücken, aber die Frage ist: Wie lange? Bei mir wären das vielleicht 4 Jahre. Aber auf keinen Fall mehrere Jahrzehnte.

Will ich mir zusätzlich zu meiner Krankheit auch noch Sorgen ums Geld machen müssen? 

Zwischenfazit: Versicherungen sind Mist, komplett ohne kann ich aber auch nicht ruhig schlafen

Die letzten 4 Jahre dachte ich mir:

Ich zahle kein Geld, wenn ich am Ende dadurch mehr Ärger habe als ohne.

Denn man braucht eine Rechtschutzversicherung (nicht bei der gleichen Versicherung!) und Angehörige, die jahrelang um dein Recht kämpfen. Man selbst kann es krankheitsbedingt nicht unbedingt. Bei vielen Anträgen kommt es zu jahrelangen Rechtsstreits.

Gleichzeitig finde ich den Grundgedanken der BUV aber gut. Denn ich kann mich auf staatliche Unterstützung genau so wenig verlassen: Entweder bekommt man kaum was oder man darf sich mit hohen Steuern, steigenden Krankenkassenbeiträgen und Bürokratismus rumärgern. Vielleicht wird die Erwerbsminderungsrente für junge Leute mal ganz abgeschafft, man rutscht in die Grundsicherung und die Verantwortung wird noch mehr auf Angehörige abgewälzt.

Ich will nicht, dass meine Familie für mich aufkommen muss.

Auch hier hilft mir meine Glaskugel nicht weiter. Deswegen wächst in mir gerade der Wunsch nach Diversifikation, obwohl ich gleichzeitig keine 100€ im Monat einem Versicherer hinterherschmeißen möchte, der am Ende doch nicht zahlt. Ein großer Konflikt, weswegen ich bisher lieber gar nichts unterschrieben habe.

Trotzdem werde ich bald einen Vertrag unterzeichnen, sobald ich mir im nächsten Artikel euren Segen geholt habe.

Wieso habt ihr eine BU-Versicherung abgeschlossen bzw. wieso nicht?