Qual der Wahl- Wieso ich Ingenieurin geworden bin

Im ersten Teil habe ich berichtet, dass mir die Leistungskurswahl nicht ganz leicht fiel, weil ich sie nicht fach-, sondern lehrerabhängig gemacht habe. Heute geht es darum, wieso ich meinen Berufswunsch kurz vor der Zielgeraden noch mal überdacht und geändert habe.

Traumberuf: Lehrerin
Der Wunsch Lehrerin zu werden stand seit der Grundschule hoch im Kurs und was anderes stand für mich nie zur Diskussion. Während der 11. Klasse gab ich ein Jahr lang Hausaufgabenbetreuung für 5. und 6. Klässler. Da machte ich sehr gemischte Erfahrungen: Die Kinder aus vermeidlich „gutem“ Hause waren dort zum großen Teil sehr respektlos und ließen sich nichts sagen:

„Ihr kommt jetzt bitte rein, wir fangen an.“
– „Machen wir nicht. Wir spielen noch Billard zu Ende.“
„Macht ihr nicht. Ihr habt zudem im Oberstufenraum nichts zu suchen. Ich kann auch zum Direktor gehen.“
– „Dann geh doch zum Direktor!“

Ich ging zum Direktor. Die Kinder hatte ich zum Glück nicht lange in meiner Gruppe. Meine restliche Rasselbande von ca. 12 Kindern waren bis auf 2 Schüler Migrantenkinder. Ziemlich wild, schwer zu bändigen. Ich kann nun immerhin „Halt die Klappe.“ auf Russisch sagen. Auf persönlicher Ebene kam ich mit den Kindern gut klar. Da ich mit ihnen gespielt habe, sobald sie ihre Hausaufgaben fertig hatten, hat das alles zum Glück alles irgendwie geklappt. Teilweise waren die Kinder leider so wild und laut, dass eins von den ruhigen Kindern von seiner Mutter abgemeldet wurde. Eine meiner Mitschülerinnen hatte die Kinder an einem anderen Wochentag und hat sie im Gegensatz zu mir wohl einigermaßen ruhig bekommen. Meine Kids erzählten mir, wie sie das schaffte: Sie hatten Angst vor ihr, weil sie sehr streng war und dabei auch mal lauter wurde. Interessanterweise entschied sich besagte Mitschülerin ein paar Jahre danach, Lehramt zu studieren.

Mit der Erkenntnis, dass man als Kumpeltyp nicht autoritär genug ist, ersparte ich mir hingegen einige Jahre Studium und das Referendariat.

Aber nun musste ich meine Zukunftspläne ein wenig über den Haufen schmeißen.

Ratlosigkeit am Ende der Schulzeit
Jeder (auch ehemaliger) Schüler müsste dieses Gefühl kennen: Der Schulbesuch ist lange ein Selbstzweck. Wieso geht man in die Schule? Weil man eben muss. Mit den näher rückenden Abschlussprüfungen stellt sich jedem die Frage: Wie geht es danach weiter? So 1 Jahr vor meinem Abitur habe ich einen Studienführer in die Hand gedrückt bekommen, der mir alle Studiengänge und Hochschulen von Deutschland auflistete – ziemlich dicker Wälzer. Dummerweise musste ich mich mit dem Ding beschäftigen, weil mein Traumberuf Lehrerin, der sich 10 Jahre lang wacker gehalten hatte, ja nun abgesagt war.

Je mehr Optionen mir aufgezeigt wurden, desto unsicherer wurde ich, was ich eigentlich will.

Da ich plötzlich wie die meisten meiner Schulkameraden total planlos war, kam plötzlich alles infrage: Psychologie, weil man ja schon immer so ein offenes Ohr hatte. Ein Physik-Studium vielleicht? War ja immerhin ziemlich gut in meinem Leistungskurs. Als Astrophysikerin die ersten Aliens ausfindig zu machen, klang auch verlockend. Da ich zu dem Zeitpunkt Japanisch gelernt habe, stand sogar mal Japanologie kurz (wenige Minuten Gedankenspielerei) zur Diskussion. Lektorin wäre auch nicht verkehrt, dann könnte ich meinen Rechtschreib- und Grammatikfetisch endlich ausleben. Mein 2-wöchiges Praktikum in einer Behindertenwerkstatt war zwar interessant, aber beruflich war das nichts für mich. Einen Beruf ohne Mathe konnte ich mir nicht vorstellen. Dann ging ich das Ganze etwas objektiver an:

Ich schaute mir die Leute an, die in meinen Augen ein zufriedenes Leben führten.

Mein Opa ist Bauingenieur, führt ein zufriedenes Rentnerleben und ist in seinem Ort hoch angesehen. In meiner ländlichen Heimat gibt es kaum Ingenieure, aber zwei meiner Freundinnen haben Maschinenbauingenieur-Väter und hatten ein schickes Haus und fuhren immer in den Urlaub. Als ich mal zufällig „Wer wird Millionär“ schaute, half ein älterer Mann (natürlich auch Ingenieur) aus dem Publikum dem Kandidaten mit seinem Fachwissen.

War Ingenieurwesen auch was für mich? Was wollte ich eigentlich? Ich wollte einen Beruf, in dem man immer was Neues dazu lernt, möglichst keine Arbeit mit nach Hause nimmt und nicht jedes Wochenende (wie mein Papa) arbeiten muss. Gut bezahlt wäre nicht verkehrt. Was brachte ich mit: Räumliches Vorstellungsvermögen: Check. Eine gewisse Technikaffinität besaß ich und war vor allem von Robotern und  Produktionsanlagen ziemlich begeistert. Auch Luft- und Raumfahrt klang ziemlich interessant. Für mich wurde es immer klarer: Maschinenbau sollte es werden. Ich fing also an, nach passenden Hochschulen Ausschau zu halten.

Wie der Zufall es wollte, machte meine jetzige Firma in meiner Schule Werbung für ein duales Maschinenbau-Studium. Abwechselnd studieren und arbeiten mit einem Azubi-Gehalt. Die Kurzform, wieso ich dual studiere: Ich bewarb mich und wurde genommen. Die Finanzierungsfrage des Studiums war somit auch geklärt.

Und da steh ich nun
Das Maschinenbaustudium war nicht leicht, aber es hat mir von Anfang an Spaß gemacht. Mein Beruf ist abwechslungsreich, so wie ich es wollte und meinen Grammatik- und Rechtschreibfetisch kann ich nun beim Korrigieren von Studienarbeiten ausleben. Meine Prinzipien Flexibilität und Wohlfühlfaktor wende ich nicht nur finanziell, sondern auch im Berufsleben an. Man sollte das machen, wozu man sich „berufen“ fühlt, gleichzeitig sich aber nicht zu sehr auf etwas versteifen. Sollte sich eine passende Chance ergeben, sollte man auch mal andere Wege einschlagen, die man vorher nicht auf dem Radar hatte. Es gibt so viele Berufszweige, die man gar nicht kennen kann, wenn sie einem nicht zufällig über den Weg laufen. Ich bin ziemlich froh, dass ich meine Ziele nicht all zu stur verfolge. Genau deswegen bin ich kein Fan von festen Zielen, weil man dadurch Scheuklappen auf hat und bessere Optionen gar nicht wahrnimmt. Ich denke mir stattdessen:

Wenn man sein Bestes gibt, wird immer das Maximum rauskommen. 

Sind euch feste Ziele im Leben wichtig?  Hattet ihr schon immer ein festes Lebensziel oder hat sich das auch nach und nach eher ergeben?

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13 Gedanken zu “Qual der Wahl- Wieso ich Ingenieurin geworden bin

  1. Hey,
    seit der Grundschule Lehrerin zu werden ist wirklich ne ganz schön lange Zeit. Aber kenne es mit jüngeren Kindern dort muss man eine Autorität ausstrahlen damit das alles klappt. Die Umentscheidung war daher mehr als verständlich, wo du es gemerkt hast.

    Und genau dort sehe ich auch das mit den Zielen. Zielen sind mir einfach wichtig. So ganz ohne Plan durch die Gegend zu Laufen führt ein nirgends hin. Aber man sollte dabei immer auch mal sich umgucken, ob man wirklich noch zu dem Ziel will. Nicht nach einem schlechten Tag auf dem Weg dort hin, aber nach einem Monat oder Jahr nur mit Problemen sollte man das ganze doch mal hinterfragen. Und genau dann sollte man seine Ziele anpassen, wie auch du es ja getan hast. Eine neuen Versuch gewagt mit den passenden Stärken.

    Von daher finde ich auch diesen Feedbackloop immer wichtiger. Mal sollte einfach etwas probieren, dann merkt man am besten, ob es für einen klappt oder auch nicht. So etwas hinauszögern ist wohl das schlimmste.

    Bei mir selbst war eigentlich früher immer nur klar irgendwas mit Computer. Jetzt bin ich ein ganz passabler Softwareentwickler geworden. Aber jetzt, wo ich am Ziel bin, kommt doch ein wenig das Umdenken. Daher die Segel werden ein wenig in einen andere Richtung gedreht. Richtig ergeben hat sich alles nicht, sondern ist auf dem Weg geschehen, wo wir dann auch wieder beim Feedback wären.

    Wirklich fest habe ich aktuell 5 Lebensziele, welche ich aber eher als Leitfäden betrachte. Dinge, welche ich am Ende des Lebens sagen würde, worauf ich stolz wäre. Damit meine ich jetzt auch nicht direkte Ziele, wie 1 Million Euro. Sondern eher jeden Tag etwas ausprobiert zu haben, gereist zu sein,…

    Gruß,
    mafis

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    • Die 5 Lebensziele würden mich mal interessieren. :) Ich habe auch ein paar wenige „Dauerziele“, wobei ich dazu meistens eher „Wünsche“ sage. Das Leben kommt immer anders als geplant und ich werde nicht gerne enttäuscht. Deswegen versteife ich mich ungern auf gewisse Dinge, sondern noch ein paar Backup-Pläne in der Schublade. Finde deine Strategie mit dem Feedback gut. Erinnert mich an das Testphasen von Software, wo man ja auch Step by Step weiterentwickelt und zwischendrin immer ein paar Korrekturschleifen durchläuft.

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      • Alles schon in Arbeit ;)

        Das mit den Backup Plänen ist doch eine gute Sache. Einen sollte man immer in der Hinterhand haben. Bsp. wenn man sich selbstständig macht oder eine Firma gründet kann man auch nicht wirklich verlieren. Weil man in der Zeit sehr viel lernen wird auf seinem Gebiet. Notfalls kann man im Nachhinein immer noch in ein normales Arbeitsverhältnis wechseln. Von daher denke ich ist diese Backup Strategie genau richtig.

        Und wo wir grade bei Backups sind. Rate mal wo ich die ganzen Sachen mitgenommen habe ;) Waren doch mehr Parallelen da, wie ich vorher gedacht habe.

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      • Softwareentwicklung, wie du schon gesagt hast. Viele Prinzipen, welche ich mittlerweile anwende, kommen aus der Softwareentwicklung. Und was da gut klappen kann ja auch wo anders gut klappen.

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  2. Schöner Beitrag! Bei mir hat sich auch alles nach und nach ergeben, allerdings hab ich das Ziel von der finanziellen Unabhängigkeit fest vor Augen, wie ich es erreiche, und wann, weiß ich noch nicht sicher, aber der Weg dorthin wird sicher spannend. :)

    Ich glaube es ist wichtig, sich kleine Meilensteine zu setzen, falls man ein größeres Ziel anstrebt, um nicht die Motivation zu verlieren.

    mfG

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  3. Danke fürs Teilen!

    Meine Berufswünsche die ich als Jugendlicher hatte haben sich final dann auch stark verändert und jetzt bin ich über Umwege dennoch dort angekommen wo ich hin wollte. Ich habe noch frühzeitig die Lust an der Schulbank verloren obwohl ich immer ein sehr guter Schüler war und immer vor hatte zu studieren. Irgendwann wollte ich allerdings endlich arbeiten und Geld verdienen. Statt zu studieren habe ich dann eine klassische Berufsausbildung angefangen in einem Bereich der eigentlich absolut gar nicht meins war. Ich habe mich in der Ausbildung allerdings dennoch so stark engagiert, dass schon zu Beginn des zweiten Lehrjahres das Angebot bestand mich für den Anschluss an die Lehre auf eine leitende Position vorzubereiten. Und so kam es dann auch. Ich hatte mit 20 direkt nach der Ausbildung Personalverantwortung und habe seither immer gut verdient. Wirklich glücklich bin ich allerdings trotzdem erst bei meinem aktuellen Arbeitgeber geworden, bei dem ich meine vorherigen Berufserfahrungen mit meinen privaten Interessen verknüpfen konnte.

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  4. Hi Jenny,

    ich finde Deine Umentscheidung total spannend. Was Du da in der Schule gemacht hast, hat vermutlich mit dem Lehrerberuf gar nicht wirklich viel zu tun gehabt. Hausaufgabenbetreuung stelle ich mir wie kollektive Nachhilfe vor – die Schüler sollen Aufgaben lösen und Du unterstützt bei Problemen. Unterricht funktioniert ja irgendwie anders und geht ja vermutlich weniger auf den einzelnen mit seinen ganz speziellen Problemen ein und ist oftmals wohl mehr an der Masse im Klassenraum orientiert. Auch wenn die Wissensvermittlung bei beiden auftaucht – die Tätigkeit ist vermutlich eine andere.

    Auch die fehlende Autorität bei den Schülern überrascht mich nicht wirklich – die Kids wussten ja sicher, dass Du auch „nur“ Schülerin bist und somit keinerlei Weisungsbefugnis hast, keine Noten gibst und somit kein Druckmittel in der Hand hast. Wenn Du dann auch noch sehr nett zu ihnen bist, denken sie sich, dass Du eh nichts machen wirst, was ihnen schaden kann. Da hat die Mitstreiterin mit ihrer General-Attitüde zumindest einen Hebel gefunden, der bei den Schülern funktionieren kann: Angst. Ich denke aber nicht, dass das der einzige Weg ist. Vermutlich wären die Schüler froh gewesen, wenn eine Lehrerin, also jemand der tatsächlich Sanktionen aussprechen kann, Klassenbucheinträge, Strafarbeiten und Nachsitzen verordnen kann, nett zu ihnen gewesen wäre.

    Das ist zwar jetzt alles ganz schön gemutmaßt, aber ich glaube, dass wir alle bei der Berufswahl ziemlich blauäugig starten und erst nach einigen Jahren im Job so richtig merken, wofür wir uns da entschieden haben. Zumindest ich hatte kein klares Bild vom Job eines Elektroingenieurs – vermutlich weil das Feld extrem weit ist und damit total unterschiedlich sein kann.

    Wichtig finde ich aber, dass Du mit dem, was Du jetzt machst, zufrieden bist – und da Du Dir ja die Offenheit bewahren willst, wirst Du sicher noch viele Möglichkeiten finden, neues zu entdecken. Ich habe das auch immer so gehandhabt und bin durch verschiedene Branchen und Firmen gewandert. So bleibt es spannend.

    Bis demnächst ;-) und dann mehr dazu,
    Dummerchen

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  8. Die meisten Frauen studieren Ingenieurswissenschaften mit der Hoffnung, aus einer Fülle von (naiven) Traumprinzen auswählen zu können. Bei den MINT-Fächern gibt es ohnehin zahlreiche von den Frauen verschmähte Männer, da hat man ein leichtes Spiel, nicht wahr? Während der Uni-Student sich mit der übelsten Materie abkämpfen darf und im Anschluss die Gnade erfährt, beim Dienstleister dienen zu dürfen, fühlt man sich als Dual-Student (Soft-Akademiker) mit seiner Praxiserfahrung natürlich besonders erhaben und wird im Anschluss noch mit IGM verwöhnt!

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    • Hey, No-ETF-Bug, ganz so ist es nicht.. ;) Die Frauen, die sich für Maschinenbau entscheiden, haben oft keine andere Wahl. Mit guten Mathe- und Physiknoten, dem Ziel jeden Tag was Neues zu lernen, sowie Leidenschaft für Technik hat man eine begrenzte Auswahl an Studiengängen. Ich bin privat etwas ruhiger und sehr praktisch veranlagt, weswegen ich mir anfangs nur einen „nüchternen“ Zahlenmenschen als Freund vorstellen konnte. Im Sinne von „never fuck the company“ sind Kommilitonen und Kollegen aber schnell tabu. Kann sicherlich klappen, aber während des Prüfungsstress blieb nicht viel Zeit für die Liebe, da konnte man froh sein, wenn die Beziehung hält. Amors Pfeil traf mich letztlich bei einem Sozialwissenschaftler und ich bin die letzten 4 Jahre die Verdienerin, während er im Studium / Zweitausbildung ist. ;)

      Frauen machen in den MINT-Berufen meistens einen guten Job, man muss sich sehr behaupten, um nicht vorgeworfen zu bekommen, man sei nur wegen der Frauenquote dort. Das Thema Frauenquote macht das Thema leider sehr madig, aber meine Kommilitoninnen kamen besser durch die Prüfungen als die Jungs, das war auch schon im Physik-Leistungskurs bei mir so. Man kann sich noch so sehr denken „Dann mach ich eben mal was Technisches..“, wenn man es nicht drauf hat, schafft man es auch nicht. Als Frau hätte ich es auch einfacher haben können

      IGM-Tarif gibt es bei meiner Firma leider nicht.

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